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“Ich glaube nicht alleine.”

von Oliver Siebisch • Titelfoto: Oliver Siebisch

Interview mit Lutherkirchen-Pfarrer Wolfdietrich Rasp

psst! Pirmasenser Storys hat in der Pirmasenser Lutherkirche vorbei geschaut. Wir sind verabredet mit Pfarrer Wolfdietrich Rasp, um mit ihm über seine persönliche Sicht auf den christlichen Glauben, seine Gemeinde und die Stadt selbst zu sprechen. Punktgenau mit dem Glockenschlag betritt er den Kirchenraum und setzt sich nach freundlicher Begrüßung für ein Kurzinterview zu uns. Gleich zu Beginn überreicht er, wie er sagt, seine „große Visitenkarte“, den Gemeindebrief. Nun wollen wir ihn aber wirklich näher kennenlernen.

Möchten Sie sich unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen?

Großgeworden bin ich in Speyer, dann habe ich an der kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf und später in Heidelberg Theologie studiert. Seit Herbst 2006 bin ich Pfarrer der Gemeinde. Meine Frau und ich leben direkt neben der Kirche im Pfarrhaus. Was mich motiviert hat, Pfarrer zu werden, ist die Mischung aus – und das ist es, was heute auch trägt – Verkündigung, Seelsorge und sozialer Arbeit. Es geht darum, mit Menschen zu tun zu haben, den Glauben und das Evangelium weiterzusagen.

Lassen Sie uns über Glaubensfragen der Gegenwart jenseits kirchlicher Skandale sprechen. Was kommt Ihnen dabei in den Sinn?

Es ist mir wichtig, dass Menschen mit Glauben und Kirche was anfangen können, dass das positiv besetzt ist. Und ich erhoffe mir dadurch eine Bindung an die Kirche. Weil die Kirche und das, was wir anbieten, von Menschen immer weniger in Anspruch genommen wird, werden die Andockpunkte aber rarer. Die Kirche zieht sich nicht zurück, doch sie verliert an Bedeutung. Das Konstrukt Kirchensteuer, mit dem unsere Kirche wirtschaftlich aufgestellt ist, steht in einer Zeit der radikalen Individualisierung sehr infrage.

Rasp mit dem Reformator. Foto: Oliver Siebisch

Für mich ist Glauben etwas, was mit Gemeinschaft zu tun hat: Ich glaube nicht alleine. Die gemeinschaftsstiftenden Institutionen haben es im Augenblick sehr schwer. Das betrifft die Vereine, aber auch wir als Kirche gehören dazu – mit dem besonderen Akzent, dass sich Glauben verändert. Es gibt die Tendenz: „Wozu brauchen wir sonntags 20 Minuten Predigt? Die Leute sind selber mündig, sich zu informieren.“ Tatsächlich aber brauchen wir Verkündigung, also Menschen, die einfach Gottes Wort weitersagen und dies auch reflektiert tun.

Wie ist es aktuell um das Gemeindeleben bestellt?

Lutherkirche ist tatsächlich eine Gemeinde, die, obwohl es ein Presbyterium und einen Gospelchor gibt, mit dem vereinskirchlichen Gemeindeleben, wie man es klassisch kennt, nichts mehr zu tun hat. Das habe ich schon so vorgefunden, und es hat sich weiter reduziert. Deshalb haben wir sehr früh angefangen, über andere Formen der Gemeinde nachzudenken: Die offene Kirche ist neben dem sonntäglichen Gottesdienst das Herz unserer Gemeindearbeit. Dadurch bieten wir Menschen die Möglichkeit, hereinzukommen, innezuhalten zum Gebet. Es sind gute Seelen da, die für Fragen zur Verfügung stehen und nach Ordnung schauen.

Die Pirmasenser Lutherkriche. Foto: Oliver Siebisch

Gibt es gerade etwas, auf das Sie besonders hinweisen wollen?

Karin Backmund stellt momentan unter dem Titel „Gesichter“ in der Kirche ihre Werke aus. Irgendwann hat sie auf Facebook ihre Bilder eingestellt, da habe ich sie gefragt, ob sie sie zeigen möchte.  Wir haben zwei bis drei Ausstellungen im Jahr.  Eine Kunstaustellung ist eine niederschwellige Form, Menschen einzuladen, etwas von sich zu zeigen.

Es stehen ja die Kommunalwahlen an. Welche Impulse erhoffen Sie sich dabei für die Stadt, die Gesellschaft und die Kirche?

Ich hoffe, dass die Parteien, die nachher auch die Stadtregierung stellen, sehr deutlich für die Menschen arbeiten. Ich kann mir keine Stadtregierung mit einer Nazi-Partei-Beteiligung vorstellen, da ich möchte, dass Pirmasens eine offene Stadt bleibt. Es gibt Floskeln, die brauchen wir nicht. Man sollte auch auf die armen Leute in der Stadt achten. Ich wünsche mir tatsächlich, dass Dinge, die den Menschen dienen und die für die Menschen da sind, gut gemacht werden.