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„Die Unentwegten“: Drei Pirmasenser und ein Leben voller Erinnerungen
von Andreas PetryEs sind diese seltenen Begegnungen, bei denen man gerne zuhört, ja ehrfürchtig lauscht, weil viele Geschichten ein Stück Vergangenheit wiedergeben. Es sind drei Männer aus Pirmasens, die zusammen 277 Lebensjahre alt sind und damit ein ganzes Jahrhundert gleich mehrfach durchlebt haben.
Jeden Montag führt ihr Weg nach Lemberg, in die Gaststätte „Zur Post – Pizzeria Sardegna“. Ein Ort, der fast zufällig zum Zentrum einer Tradition wurde. „Es war eine der wenigen Gaststätten, die montags geöffnet hatten“, klärt Deutschmann lapidar mit dieser erstaunlich klaren, festen Stimme auf, die so gar nicht zu seinem Alter passen will.
Dort sitzen sie immer am gleichen Tisch, rechts von der Theke im Eck zusammen. Hugo Deutschmann, der im April seinen 97. Geburtstag feiern wird, Horst Resch mit 91 Jahren und Alois Bold, der im Januar 90 wurde. Drei Leben, die unterschiedlicher kaum beginnen konnten und doch immer noch aus denselben Gründen die gleichen Schnittpunkte finden: Gemeinschaft, Bewegung und natürlich Heimat.

Sie sind die „Die Unentwegten“ oder zumindest das, was von dieser einst großen Runde geblieben ist. Früher, erzählen sie, war die Tafel ungemein lang. Heute sind sie zu dritt. Und doch ist die Runde nicht kleiner geworden, denn mit am Tisch sitzen immer auch die Erinnerungen an die, die fehlen.
Der Name „Die Unentwegten“ kommt nicht von ungefähr. „Wir waren bei jedem Wetter unterwegs“, erzählt der sechsfache Urgroßvater Deutschmann. Was heute wie eine romantische Übertreibung klingt, war damals schlicht gelebter Alltag. Anfang der Siebzigerjahre begann alles, zunächst als reine Männergruppe, die vor allem eines verband: die Lust am Skifahren. Für Horst Resch war genau das der Einstieg. Der damalige Vorsitzende des TV Pirmasens wollte besser werden auf den Brettern – und bat Hugo Deutschmann um Hilfe. Eine dieser kleinen Entscheidungen, die am Ende Jahrzehnte überdauern.

Zu den Skiausflügen kamen auch Fahrradtouren hinzu. Aus Fahrradtouren wurden Fahrradreisen, ins Altmühltal, an den Bodensee und zu den Schlössern der Loire. Die Geschichten hierzu klingen wie Überschriften eines Abenteuerbuchs. Zu den besten Zeiten wuchs die Gruppe auf 19 Personen an. Organisiert wurde das alles mit fast militärischer Genauigkeit von Klaus Ziliox, einst Prokurist bei Peter Kaiser, der auch die monatlichen Treffen, bei denen nunmehr auch die Frauen dazugehörten, festlegte. Alle drei erinnern sich gut daran und man spürt, mit wie viel Respekt sie von diesem Mann sprechen, der seit drei Jahren nicht mehr unter ihnen ist.
Bold selbst war 25 Jahre für genau dieses Unternehmen unterwegs. Vertreter, immer auf Achse und immer im Dienst. „Das war meine Firma“, sagt er. Ein Satz, der aus der Zeit stammt, als die Arbeit noch Zugehörigkeit bedeutete und nicht nur Beschäftigung zum Geldverdienen war.
Resch wiederum war nicht nur sportlich aktiv, sondern auch eine prägende Figur im Stadtleben. Als Vorsitzender des Turnvereins und als Leiter des Textilhauses Forster am Exerzierplatz war er vielen ein Begriff. Sein Sohn Stefan machte sich zudem als exzellenter Turner einen Namen – auch das ein Stück gelebter Vereinsgeschichte.

Und mittendrin immer wieder auch der TV Pirmasens, dieser 1863 gegründete Verein, der für alle drei mehr war als nur ein Ort, Sport zu treiben. Besonders für Hugo Deutschmann, der seit rund 90 Jahren diesem Verein angehört, längst und auch verdient zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Er war nicht nur Turner, Sänger und Komödiant, er war vor allem auch Gestalter.
Als die neue Halle Anfang der sechziger Jahre geplant wurde, war er nicht nur beteiligt, sondern einer der entscheidenden Köpfe. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Karl Faul fungierte der Projektplaner des Bauamtes als Planer, Berater und Bindeglied zwischen den Institutionen. Die Halle, die im Oktober 1966 eröffnet wurde, trägt auch seine Handschrift. Später plante er zudem die notwendigen Renovierungsarbeiten, inklusive des neuen Dachs.

Und selbst heute denkt er noch weiter. Eine Tribüne hätte er sich gewünscht, oben über die Geräteräume gebaut. „Das wäre damals als auch heute machbar gewesen“, sagt er, wohlwissend, dass auch beim aktuellen Hallenneubau erneut auf Zuschauerränge verzichtet wurde. Auch im hohen Alter hat der gelernte Innenarchitekt immer noch Pläne und Zeichnungen im Kopf.

Doch Deutschmann war nie nur der Planer, er liebte die leisen genauso wie die lauten Töne, die lustigen als auch die ernsten Texte. Bei der TVP-Jockelei-Fastnacht, als Orgelpfeife der legendären „Turnerorgel“, im Chor der „Weinfrohen Sänger“, die sich aus der ursprünglich als „Die Siewwe Dumme“ beim FKP entstandenen Gruppe entwickelte. Texte, Reime, Pointen und mittendrin, erst als Nachwuchsakteur, dann als treibende Kraft der umtriebige und stadtbekannte Hugo Deutschmann. Noch bis kurz vor Corona kam „Orgelpfeife“ Andreas Persch zu ihm, um die Verse auf Rhythmus und Reim prüfen zu lassen. Erst mit Deutschmanns „OK“ kamen die Verse auf die Jockeleibühne.

Sein kleines Archiv aus Texten und Bildern hütet er bis heute. Es ist mehr als nur eine Sammlung, sondern schon ein Stück Kulturgeschichte seiner Heimatstadt.
„Wir gehen zum Pedro“, sagen sie noch immer, wenn sie ihr Stammlokal meinen. Der Name des früheren Besitzers hat überlebt, obwohl sich vieles verändert hat. Vielleicht ist genau das das Geheimnis dieser drei Männer: Sie halten fest, was ihnen wichtig ist, ohne dass sie dabei stehenbleiben.
Während draußen die Welt rasend schnell weiterzieht, bleibt an diesem Tisch in Lemberg etwas bestehen, das selten geworden ist: Bei einer herrlichen Pfälzer Weinschorle werden Geschichten von echten Freundschaften erzählt aus einem Leben, aus ihrem Leben, das nicht nur lang war, sondern auch reich.
Titelbild: Die drei Unentwegten (von links) Alois Bold, Horst Resch und Hugo Deutschmann. Foto: Petry