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Pirmasenser auf Sylt Titelbild

Ein Hauch von Pirmasens in Westerland

von Andreas Petry

„Ich will zurück nach Westerland.“ Für Katharina Burkhart und Andreas Schütz ist das kein Ohrwurm, sondern seit langer Zeit eine Art Lebensmotto. Seit 2003 zieht es die beiden V-Zeit-Inhaber regelmäßig auf Deutschlands bekannteste Insel. Früher mehrmals im Jahr, heute ganz bewusst zu Weihnachten und Neujahr. Seit Corona ist das so. Damals fiel der Sommertrip ins (Corona-)Wasser, stattdessen hauchten die Gastronomen dem Biergarten im Strecktal neues Leben ein. Seitdem gibt’s Westerland nur noch im Winter.

Vom 23. Dezember bis 2. Januar heißt es deshalb: arbeiten, wo andere dick eingepackt spazieren gehen und sich die gute Nordseeluft um die Nase wehen lassen. Gemeinsam mit ihrem Lehrling Yannis Boor betreiben sie ihren Getränkestand direkt an der Strandpromenade von Westerland. Die Nordsee liegt hinter dem Stand, die Musikmuschel in Sichtweite, und dazwischen laden Glühwein, Punsch und kalte Getränke zum Verweilen ein. Keine Praxis mit Meerblick, sondern Glühweinstand mit Meerblick!

Sonnenuntergang über der Nordsee auf Westerland/Sylt – Blick aus dem Ausschankwagen der Pirmasenser Gastronomen. Foto: V-Zeit

„Dieses Jahr haben wir endlich mal wieder Glück mit dem Wetter“, erzählt Andreas Schütz am Dienstagnachmittag am Telefon. In den vergangenen drei Jahren sei es meist nass, stürmisch und unerquicklich gewesen. Während er spricht, wird im Hintergrund auf Hochdeutsch ein Glühwein bestellt. Rot oder weiß? Beides, das versteht sich von selbst, kommt aus der pfälzischen Heimat. Darauf weisen auch die großen Tafeln am Ausschankwagen unmissverständlich hin.

„Wenn wir Hochdeutsch reden, fragen die Leute sofort, wo wir herkommen“, sagt Schütz und lacht. Fällt dann der Name Pirmasens, öffnen sich zuverlässig die zwei bekanntesten Gesprächsschubladen: Fußball oder Schuhe. „Entweder geht’s um den FKP oder um die Schuhindustrie. Gerade ältere Gäste haben da sofort Erinnerungen.“ Das Publikum sei insgesamt bunt gemischt. „In den letzten Tagen ist die Promenade rappelvoll. Das ist kaum vorstellbar“, sagt Schütz. Richtung Silvester werde es noch dichter, am Neujahrstag leere sich die Insel dann schlagartig wieder.

Hochbetrieb am Stand der Pirmasenser Gastronomen von V-Zeit. Foto: V-Zeit

Wenn andere um Mitternacht die Sektgläser heben, stehen Burkhart, Schütz, Boor und Tochter Leonie, die ihre Eltern besucht, hinter den Zapfhähnen und Kühlschränken. Heißes raus, Kaltes raus – immer im Takt der Musikband und des feiernden Publikums. Erst gegen drei Uhr morgens ist Schluss. Dann dürfen auch die vier Pirmasenserinnen und Pirmasenser kurz durchschnaufen und auf das neue Jahr anstoßen.

Dass in der Nähe von Reetdächern und im Wattenmeer eigentlich Feuerwerksverbot herrscht, interessiert viele Gäste eher am Rande. „Die böllern und knallen am Strand, als gäb’s kein Morgen“, sagt Schütz und klingt dabei mehr resigniert als empört.

Ist der Ausschankwagen schließlich aufgeräumt, geht es zurück ins Apartment. Das ist auch an Heiligabend der Rückzugsort. Der Stand schließt dann um 16 Uhr.

Zwischen Pfälzer Glühwein und Hot Aperol kurz ein Selfie für die psst-Leserinnen und Lesern: „Alles Gute fürs Neue Jahr!“ Von Links: Andreas Schütz, Katharina Burkhart und Janis Boor.

„Duschen, umziehen und danach treffen wir uns mit anderen Standbetreibern zum Weihnachtsessen“, schildert Schütz den Ablauf der Heiligen Nacht. Gefeiert wurde allerdings leiser als in den Jahren zuvor. Zum ersten Mal seit Langem ohne Freunde aus der Heimat. „Letztes Jahr waren wir noch 16 Leute“, erinnert sich der Gastronom. Dieses Mal sei niemand mitgekommen. Todes- und Krankheitsfälle in den Familien hätten das unmöglich gemacht. Passend dazu blieb auch ein kleines Detail nicht unbemerkt: Noch kein einziger Pirmasenser bestellte in diesem Jahr ein Getränk am Stand.

Ob es im kommenden Jahr wieder heißt: Nach dem „Pirmasenser Belznickelmarkt“ direkt den Anhänger an den Transporter und ab Richtung Nordsee, ist offen. „Schau ma mal“, sagt Schütz. „Wir haben schon öfter gesagt, jetzt ist Schluss“, doch das Ende scheint immer noch offen zu sein.

Magischer Anziehungsort von Weihnachten bis Neujahr: die Strandpromenade von Westerland. Foto: V-Zeit

Am 3. Januar geht es erst einmal mit dem Autozug zurück aufs Festland und dann weiter nach Pirmasens. In der Hoffnung, dass Technik und Wetter mitspielen. Denn Erfahrungen hat der Pirmasenser Tross genug gemacht. Einmal brauchte das Team bei Schneesturm 18 Stunden bis auf die Insel. Und vor rund zehn Jahren vergaß Schütz, die Plane auf dem Dach des Ausschankwagens zu befestigen. „Auf der Autobahn ging das noch“, erzählt er. „Aber auf dem Zug stand der Anhänger andersrum. Der Wind kam drunter und hat die Plane komplett zerfetzt.“


Titelbild: Ruhe vor dem Sturm am Stand von V-Zeit an der Strandpromenade auf Westerland. Foto: V-Zeit


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