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JuKuWe Workshop Titelbild

Kunst mit allen Sinnen: Kinder gestalten im inklusiven Workshop der JuKuWe

von Julia Schepp

Wie fühlt sich Kunst an, wenn man sie nicht sehen kann? Diese Frage stand im Mittelpunkt des zweiten Workshops des Projekts „Inklusiver Kunstguide“, das von Aktion Mensch gefördert und von der Jugendkulturwerkstatt Pirmasens (JuKuWe) organisiert wird. An diesem Samstag trafen sich Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung oder Blindheit, um gemeinsam zu malen, zu formen und Kunst neu zu erleben – tastend, fühlend, hörend.

Der „Inklusive Kunstguide“ ist eines von vielen Projekten, die die JuKuWe im Moment verwirklicht. Foto: Schepp

Kunst für alle erfahrbar machen

„Das Projekt wird gefördert durch Aktion Mensch und nennt sich ‚Inklusiver Kunstguide‘“, erklärt Diana Trupp, kulturpädagogische Mitarbeiterin der JuKuWe. „Wir haben durch die Förderung einen eigenen Raum dazubekommen, den wir gemeinsam mit beeinträchtigten Menschen am Renovieren und Gestalten sind. In dieser inklusiven Galerie sollen künftig Kunstwerke ausgestellt werden, die während der Projektzeit entstehen – und die auch ertastet und erlebt werden können.“

Die Ton arbeiten der Kinder sind am trocknen. Die Tiere sind beeindruckend detailrecht geworden. Foto: Schepp

Die Atmosphäre im Workshop ist lebendig und konzentriert zugleich. An mehreren Stationen arbeiten die Kinder mit Ton, Farben und Strukturen. Besonders eindrucksvoll sind die Arbeiten mit Ton – Reliefs, Tiere und andere Figuren, die mit feinem Gefühl für Form und Ausdruck entstehen. Viele der Teilnehmenden sehen ihre eigenen Werke nicht, ertasten sie aber mit erstaunlicher Präzision.

Auch Kunststoffköpfe werden während des Workshops dekoriert. Foto: Schepp

Gemeinsames Schaffen

Ein Highlight des Tages ist das große Gemeinschaftsbild. „Manche sind mit den Füßen drüber gelaufen, andere haben mit Händen und Pinseln gearbeitet“, erzählt Trupp. „Das Ziel ist, dass alle etwas beitragen, jeder auf seine Weise.“

Neben dem kreativen Schaffen geht es den Veranstaltern auch um Begegnung und Verständnis. Eltern nehmen teil, setzen sich Augenbinden auf und erleben für einen Moment, wie sich der Alltag ihrer Kinder anfühlt. So entstehen Gespräche, Vertrauen – und ein Gemeinschaftsgefühl, das über den Workshop hinausreicht.

An einem Riesenbild beteiligen sich alle Kinder gemeinsam, aber jeder auf individuelle Weise. Foto: Schepp

Ein Künstler, der ohne Augen sieht

Unterstützt werden die Workshops von Wolfgang Jung, einem blinden Künstler aus Pirmasens. „Ich war schon beim ersten Workshop im Mai sehr überwältigt – und zutiefst beeindruckt von der Leistung dieser Kinder“, sagt Jung. „Was die hier fabrizieren, was die machen – das ist einfach grandios.“

Der Künstler arbeitet mit den Teilnehmenden an verschiedenen Materialien, erklärt Techniken und zeigt, dass Kreativität keine Grenzen kennt. Seine eigene Geschichte mit der Kunst begann lange vor seiner Erblindung: „Ich habe wie ein normaler Mensch irgendwann mal den Pinsel in die Hand genommen“, erzählt er. Statt auf visuelle Kontrolle setzt er seit dem Verlust seiner Sehkraft auf Gefühl und Struktur. Er nutzt Nadelköpfe, Fäden und Klebebänder, um Flächen auf der Leinwand einzuteilen, tastet Konturen und spürt, wie seine Werke Form annehmen.

Trotz seiner Erblindung hat Jung seinen Weg in die Kunstszene gefunden – mit Ausstellungen unter anderem in Berlin, Wien, und Bremen. „Frechheit siegt“, sagt er lachend über seine ersten Schritte in der Galeriearbeit und seiner Anfrage an eine der großen Berliner Galerien. In den Workshops vermittelt er nun den Kindern, dass Kunst vor allem eines ist: Ausdruck, Leidenschaft und Spaß.

Pirmasenser Künstler Wolfgang Jung mit einigen seiner eindrucksvollen Bilder. Foto: Wolfgang Jung

Sehen lernen ohne Augen

Die pädagogische Begleitung kommt vom FBZ Stützpunkt Sehen an der Matzenbergschule in Pirmasens. Sarah Bernardi betreut gemeinsam mit ihren Kollegen Kinder mit Sehbehinderungen oder Blindheit an Schulen in der Region. Sie weiß, wie wichtig solche Projekte sind: „Unsere Schüler sind in den meisten Fällen in Regelschulen integriert. Hier können sie einmal in einem Umfeld arbeiten, das ganz auf ihre Wahrnehmung abgestimmt ist.“

Der Stützpunkt Sehen unterstützt Kinder, Eltern und Lehrkräfte dabei, den Schulalltag barrierefrei zu gestalten – etwa mit speziellen Lernmaterialien, Brailleschrift oder individuellen Hilfsmitteln.

Das Team, das beim Workshop mitgeholfen hat von links: Wolfgang Jung, Sarah Bernardi, Ute Ballmann, Brigitte Ziegler, Diana Trupp, Dirk Heller. Foto: Schepp

Ein Ort der Begegnung

Die neue inklusive Galerie der JuKuWe in der Glockenstraße soll im kommenden Jahr eröffnet werden. Dann werden dort die Werke der Kinder ausgestellt – Kunst, die man sehen und fühlen kann. „Es geht nicht nur um Barrierefreiheit“, sagt Trupp, „sondern um Begegnung, Bildung und die Anerkennung unterschiedlicher Wahrnehmungen. Kunst kann verbinden – wenn wir sie gemeinsam zugänglich machen.“

Der Workshop zeigt, wie das gelingt: mit Farbe, Ton, Musik und viel Herz. Die erschaffen Seite an Seite etwas, das bleibt – Kunst, die nicht im Auge entsteht, sondern im Gefühl und der Erfahrung.


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