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Kunst Stoff Blumen

„KUNST – STOFF“ eröffnet heute mit Vernissage: Ausstellung zur textilen Kunst

von Julia Schepp

Mit der neuen Ausstellung „KUNST – STOFF. Positionen zeitgenössischer textiler Kunst“ zeigt das Forum ALTE POST in Pirmasens, wie aus Faden, Stoff und Textilfasern große Kunst wird. Die Vernissage findet am heutigen Freitag, dem 12. Dezember 2025, um 19 Uhr im Forum ALTE POST statt – der Eintritt ist frei. Zu sehen sind rund 45 Werke von 13 Künstlerinnen, die zeigen, wie überraschend, politisch, poetisch und humorvoll textile Gegenwartskunst sein kann. Kuratorin Christina Körner hat Positionen ausgewählt, die den Stoffbegriff im wörtlichen wie übertragenen Sinn ausloten – zwischen Körper, Erinnerung, Alltagskultur und Gesellschaftskritik.

Mehr als dekorativ: Stoff als gesellschaftlicher Spiegel

„Textile Techniken sind wieder da – aber sie stehen heute für viel mehr als Handarbeit oder Dekoration“, erklärt Kuratorin Christina Körner. Die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin hat über 40 Arbeiten ausgewählt, die mit Materialien wie Garn, Stoff, Wolle, Kunststoff oder Papier Geschichten erzählen: von Körper und Erinnerung, von weiblicher Erfahrung, von Konsum, Migration und Zerbrechlichkeit. Körner betont: „Was lange als ‚banal‘ galt – Nähen, Stricken, Weben – ist inzwischen ein Medium für aktuelle Themen. Viele Künstlerinnen arbeiten mit dem, was sie haben. Und gerade daraus entsteht eine unglaubliche Kraft.“

Die Ausstellung umfasst textile Skulpturen, Wandobjekte, Installationen und Reliefs. Dabei geht es nicht um das Beherrschen von Techniken, sondern um Haltung, Kontext und Bildsprache. Der Rundgang durch die Ausstellung zeigt eine Welt aus Geweben und Fäden, die in Bewegung geraten – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Kuratorin Christina Körner wird in einer Abschlussführung am 8. Februar Interessierte durch die Ausstellung führen. Hier steht sie beim Presserundgang vor zwei der handgetupften Teppiche von Künstlerin Kübra Ural. Foto: Schepp

Textil in Bewegung: Anja Luithles reaktionsfreudiges Objekt

Ein Werk zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich – nicht wegen seiner Größe, sondern weil es auf Besucher reagiert. Die leuchtend orangefarbene Figur der Künstlerin Anja Luithle, montiert auf Hüfthöhe, beginnt sich bei lauten Geräuschen, wie z.B. Händeklatschen zu drehen. „Ich wollte den Applaus als Auslöser untersuchen – als Moment zwischen Anerkennung und Erwartung“, sagt Luithle. „Der Rock tanzt – aber nur, wenn man etwas von ihm will.“

Daneben zeigt sie großformatige textile Flächen, die aus übereinander gelegten Stoffbahnen bestehen. Die farblichen Schichtungen erinnern an konkrete Malerei, sind aber textile Kompositionen. Die Stoffe stammen aus einem Modefirmenlager, viele wurden einst für Bett- oder Tischwäsche produziert. „Mich interessiert der Wandel von Trends – heute gelb, morgen grün – und was das über unsere Zeit aussagt.“

Anja Luithle stellt u.a. eine interaktive Arbeit, den rechts zu sehenden orangenen Rock, aus. Foto: Schepp

Ein Stein wird weich: Sabine Hacks „Sisyphos“-Erzählung

Außerdem präsentiert Sabine Hack ihr mehrteiliges Projekt zum Sisyphos-Mythos. Ihre Interpretation verzichtet auf Schwere – im Gegenteil. Stoffsteine, von Hand genäht und gefüllt mit Papierresten und alten Stoffen, liegen in einer Vitrine, fallen eine Schräge hinab oder sind auf einem Gestell platziert, das bewusst die Balance stört. „Ich wollte das Thema Tragen neu denken“, sagt Hack. „Nicht als Last, sondern als etwas Persönliches, Feines. Jeder Stein ist einzigartig.“ In der Arbeit treffen Gegensätze aufeinander: leicht und schwer, weich und stabil, Mythos und Alltagsmaterial.

Sabine Hack Inmitten ihres Sisyphos-Projektes. Foto: Schepp

Fadenverbindungen, Erinnerungsspuren, Materialerzählungen

Die Ausstellung zeigt eine große Bandbreite künstlerischer Herangehensweisen. Alle 13 Künstlerinnen arbeiten mit Textilien – aber keine auf dieselbe Weise:

  • Anja Luithle (Wendlingen) verbindet Skulptur und Bewegung: Ihre Figur „Broadway“ reagiert auf Geräusche – ein Werk über Applaus, Erwartung und die Bühne.
  • Sabine Hack (Westerwald) interpretiert den Sisyphos-Mythos mit Stoffsteinen und leichten Materialien – eine Erzählung von Last und Leichtigkeit.
Die Stoffsteine von Sabine Hack. Foto: Schepp
  • Kübra Ural (Mainz) bringt Erinnerungen an Migration und Familiengeschichte in großformatige, handgetuftete Teppiche ein.
  • Dorothee Herrmann (Bad Cannstatt) stellt 380 Wollblumen auf Pflastersteinen aus – alle schwarz, eine grün – als Zeichen für Verlust und Hoffnung.
Nach genauem Hinschauen bemerkt man irgendwann das kleine Stück grün im Meer von schwarzen Blumen (Titebild). Foto: Schepp
  • Andrea Hess (Freiburg) näht humorvoll über Fotografien von Akten, Werbung und Kunstgeschichte und nennt ihre Serie „Dresscode“.
  • Cora Volz (Mainz) kombiniert Skulptur mit Kleidung: Büsten aus Speckstein erhalten Lippen, Haare und Blusen aus Strumpfhosen.
  • Helena Hafemann (Wiesbaden) verbindet zerbrochenes Porzellan mit Fäden und thematisiert so familiäre Rituale und deren Zerbrechlichkeit.
  • Anne Haring (Saarbrücken) formt weiche Körper aus Textilien, die an OP-Kittel oder viktorianische Mode erinnern – zwischen Schutz und Zwang.
  • Irena Riedl (Pforzheim) zeigt gehäkelte und gestickte Darstellungen von Herz, Brustkorb und Blutgefäßen – Anatomie als textile Skulptur.
  • Boglárka Balassa (Karlsruhe) thematisiert den Lebenszyklus von Gewebe, von zart bis zerfallend, und nutzt Pflanzenfarben.
  • Andrea Hitz (Freiburg) nennt ihre Werke „Nähzeichnungen“, gefertigt mit der Maschine – sie beschäftigt sich mit Körperlichkeit, Erinnerung und Fragmenten.
Hier zu sehen: Einige der detailreichen „Nähzeichnungen“ von Künstlerin Andrea Hitz: Foto: Schepp
  • Frau Engel (Raum Stuttgart) kombiniert Landkarten und Stoffe in poetischen Collagen, ihre Arbeiten kreisen um Schutz, Verletzlichkeit und globale Fragestellungen.
  • Marie Gouy (Frankreich) verwendet versteifte Unterwäsche und nutzt sie als Druckstöcke für Büttenpapier – intime Körperthemen in grafischer Form.

Eine Einladung, genauer hinzusehen

„KUNST – STOFF“ ist keine Ausstellung, die man im Vorbeigehen aufnimmt. Sie will entdeckt werden – Schicht für Schicht, Naht für Naht. Viele Werke erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Manche fordern heraus, andere berühren unmittelbar. Die Besucher begegnen vertrauten Materialien in neuer Form: Tischdecken, Wolle, Knöpfe, Mullbinden – verwandelt in Fragen an die Welt.

Unser Beitrag zum Begleitprogramm der Ausstellung mit Workshops, Familienaktionen und Expertenführungen ist hier zu lesen.


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