Beitrag
Gedenktafel Helena Baer Titelbild

Neue Gedenktafel für Helena Baer – dank Schülerengagement

von Julia Schepp • Titelfoto: Julia Schepp

Schülerprojekt hält Erinnerung an jüdisches Schicksal in Pirmasens lebendig

Mit der Enthüllung einer weiteren Gedenktafel erinnert die Stadt Pirmasens an das Schicksal von Helena Baer, die am 22. Oktober 1940 gemeinsam mit über 6.500 jüdischen Männern, Frauen und Kindern aus Baden und der Saarpfalz in das französische Internierungslager Gurs verschleppt wurde. Die Tafel wird in der Bitscherstraße 22, dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Baer, feierlich eingeweiht.

Oberbürgermeister Markus Zwick eröffnet die Enthüllung und dankt allen Beteiligten für ihr Engagement, besonders den Schülerinnen und Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums, die unter Anleitung ihrer Lehrerinnen den Lebensweg von Helena Baer recherchiert und aufbereitet haben. „Sie leisten mit dieser Arbeit einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in unserer Stadt lebendig bleibt“, betont Zwick. Zugleich hebt er hervor, dass dieses städtische Gedenkprojekt nur durch die Bereitschaft der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer möglich ist, die das Anbringen der Tafeln an ihren Gebäuden gestatten.

OB Markus Zwick (rechts) dankt allen Beteiligten für ihre Arbeit zur Erstellung der Gedenktafel von Helena Baer und für die Initiierung des gesamten Projektes. Foto: Schepp

Eine digitale Spur der Erinnerung

Die neue Gedenktafel reiht sich in das städtische Projekt ein, das an zahlreichen Orten in Pirmasens an die Schicksale jüdischer Bürger erinnert. Jede Tafel ist mit einem QR-Code versehen, über den Interessierte per Smartphone weiterführende Informationen abrufen können. Im Fall von Helena Baer gelangen Besucher so zu den von den Schülerinnen und Schülern verfassten Texten, die ihre Lebensgeschichte auf Grundlage von Akten des Stadtarchivs, historischen Quellen und Recherchen im Archiv Bad Arolsen nachzeichnen.

Vom Modegeschäft in Pirmasens ins Lager Gurs

Helena (auch Helene) Baer, geborene Weiß, kommt 1856 in Essingen bei Landau zur Welt. Nach ihrer Heirat mit dem aus Rodalben stammenden Kaufmann Albert Baer zieht sie 1901 nach Pirmasens. Gemeinsam führen beide ein Modegeschäft in der Hauptstraße, das bald zu einem bekannten Geschäft in der Stadt wird. Das Paar hat sechs Kinder. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1926 lebt Helena Baer weiterhin in der Bitscherstraße.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt die systematische Entrechtung und Verfolgung jüdischer Mitbürger. Die Familie Baer ist mehrfach von Enteignung und Arisierung betroffen – das Modegeschäft muss weit unter Wert abgegeben werden, und die wirtschaftliche Existenz der Familie wird zerstört. Obwohl Helena Baer versucht, in die USA auszuwandern, scheitert der Plan an den fehlenden Geldmitteln.

Am 22. Oktober 1940 wird sie schließlich über Mannheim in das südfranzösische Lager Gurs deportiert – eine der ersten großen Deportationen aus dem Deutschen Reich. Nur wenige Wochen später, am 11. November 1940, stirbt Helena Baer dort im Alter von 84 Jahren unter den katastrophalen Bedingungen des Lagers.

Links ist ein Portrait von Helena Baer und rechts ihr Grab auf dem Friedhof von Gurs zu sehen. Foto: Stadtarchiv Pirmasens

Leben im Lager Gurs

Auch Gästeführerin Ute Jaquet-Wagner trägt mit einem historischen Überblick zur Veranstaltung bei. Sie ordnet die Deportation nach Gurs in den Kontext der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik ein und erinnert an die erschütternden Lebensbedingungen im Lager, das ursprünglich zur Internierung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge errichtet worden war. Ab 1940 dient es als zentrales Sammellager für deportierte Juden aus Südwestdeutschland. Rund 6.500 Menschen aus Baden und der Saarpfalz werden dorthin verschleppt – darunter 47 aus Pirmasens.

Die Zustände sind menschenunwürdig: Die Gefangenen leben in primitiven Baracken ohne Heizung, oft im Schlamm, mit unzureichender Ernährung und medizinischer Versorgung. Krankheiten wie Typhus und Ruhr breiten sich rasch aus, viele der Insassen sterben innerhalb weniger Wochen. Andere werden später in Vernichtungslager im Osten weitertransportiert.

Schüler geben der Geschichte ein Gesicht

Beim Gedenktermin lesen drei Schülerinnen und Schüler des Immanuel-Kant-Gymnasiums einige Informationen über das Leben von Helena Baer vor. Sie schildern, wie die Familie nach dem Tod des Vaters in wirtschaftliche Not gerät, wie die Söhne Ernst und Isidor im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet, später aber Opfer antisemitischer Hetze werden, und wie Helena Baer schließlich alles verliert – ihre Heimat, ihre Familie, ihr Leben.

Drei Schüler des Immanuel-Kant-Gymnasiums (von links: Miral A., Enya B. und Qouc-Trien B.) die bei dem Projekt mitgewirkt haben, stellen die Resultate ihrer Recherche zu Helena Baer vor.

Zum Abschluss ergänzt Karola Streppel vom Arbeitskreis Geschichte der Juden in Pirmasens die historischen Zusammenhänge. Sie berichtet über die schwierige Quellenlage, die Aufarbeitung der Arisierungsakten und die vielfältigen Schicksale der Familie Baer. Besonders bewegend ist ihre Schilderung einer Angehörigen aus Israel, die sich seit Jahren für ein Gedenken an ihre Familie in Pirmasens einsetzt.

Erinnerung als Auftrag

Mit der neuen Gedenktafel entsteht ein weiteres sichtbares Zeichen der Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit. Sie steht stellvertretend für all jene Pirmasenser Bürger jüdischen Glaubens, die während der nationalsozialistischen Diktatur entrechtet, verfolgt und ermordet werden.

Die Stadt Pirmasens setzt mit dem fortlaufend erweiterten Gedenkweg ein deutliches Zeichen für historische Verantwortung und die Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses. „Erinnerung bedeutet nicht nur Rückblick, sondern auch Verpflichtung“, sagt Karola Streppel zum Abschluss. „Dass Schüler sich heute dieser Aufgabe annehmen, zeigt, dass die Geschichte nicht vergessen ist.“


Du willst mehr News aus Pirmasens? Abonniere jetzt kostenlos den Newsletter und erhalte die neusten Nachrichten aus der Stadt bequem ins Mail-Postfach. Einfach hier klicken: