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Sellemols: Als Pirmasens den schnellsten Kellner suchte
von Lisa FlöserEin Blick in das Archiv des öffentlich-rechtlichen Rundfunks offenbart Erstaunliches aus der Geschichte der Stadt Pirmasens. Wie skurril die Beiträge der Abendschau mitunter waren, zeigt eine besonders kuriose Anekdote: 1962 fand in Pirmasens ein sportlicher Wettkampf der anderen Art statt.
Ein Wettbewerb mit Tradition
Anlässlich der 200-Jahr-Feier in Pirmasens organisierte Luigi Negretto einen Kellner-Wettlauf mitten in der Innenstadt. Damit knüpfte er an eine lange Tradition dieses besonderen Wettbewerbs an.
Seinen Ursprung hat der sogenannte Kellnerlauf in Frankreich: Unter dem Namen „La course des garçons de café“ wurde er erstmals Anfang der 1920er-Jahre ausgetragen und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer festen Institution, die -häufig am französischen Nationalfeiertag – bis 2014 regelmäßig stattfand. Eine Neuauflage erlebte die Veranstaltung schließlich im Jahr 2024, als sie im Rahmenprogramm der Olympischen Sommerspiele in Paris erneut ausgetragen wurde.

Rennen strikt verboten!
Trotz des humorvollen Charakters des Wettkampfs galten auch in Pirmasens klare Regeln. Eine zentrale Rolle spielte dabei die „Sportkleidung“: Alle Teilnehmer mussten in traditioneller Kellnerkleidung antreten – mit Fliege, weißem Jackett und Tuch über dem Arm.
Das Ziel des Wettbewerbs bestand nicht allein darin, als Erster die Strecke zu bewältigen. Entscheidend war ebenso, dass der Inhalt des Tabletts den Parcours möglichst unbeschadet überstand. Alle Teilnehmer trugen dabei identische Tabletts mit vier verschiedenen Trinkgläsern, die jeweils bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren. Eine besondere Herausforderung lag in der Fortbewegung selbst: Schnelles Gehen war erlaubt, Rennen hingegen strikt untersagt!

Spektakuläre Preise für den Sieger
Die Aufnahmen der Abendschau lassen erkennen, dass auch die Zuschauerinnen und Zuschauer großen Spaß an dem Spektakel hatten. Begeistert feuerten sie die Kellner an und verfolgten aufmerksam, wie geschickt – oder eben weniger geschickt – sich die Teilnehmer über die Strecke bewegten. Dabei ging nicht selten das eine oder andere Glas zu Bruch.

Im Ziel angekommen, wurde der verbliebene Inhalt der Gläser sorgfältig geprüft, um den Sieger zu ermitteln. Entscheidend war nicht nur die Zeit, sondern vor allem die Menge der noch vorhandenen Flüssigkeit. Wer am meisten im Glas behalten hatte, ging als Gewinner hervor.
Auf die beiden besten Teilnehmer wartete neben der Siegerehrung ein spektakulärer Hauptpreis: eine zehntägige Reise an die Adriaküste. Auch die Plätze drei bis fünf wurden belohnt und erhielten Geldpreise, gestiftet von namhaften Sponsoren wie der Parkbrauerei AG und der Pirmasenser Zeitung.

Heute wirkt eine solche Veranstaltung beinahe wie aus der Zeit gefallen. Umso eindrucksvoller zeigen die Aufnahmen, wie kreativ und vielfältig das öffentliche Leben in Pirmasens einst war. Der Kellner-Wettlauf von 1962 bleibt damit nicht nur eine kuriose Episode, sondern auch ein lebendiges Stück Stadtgeschichte.
Titelfoto: SWR Retro – Abendschau