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Strategie, Spannung, Zusammenhalt: Schach in Pirmasens lebt
von Julia ScheppEin Blick hinter die Kulissen eines Vereins, der mehr ist als nur Schach
Am Freitagabend herrscht reges Treiben im Leibniz-Gymnasium in Pirmasens. Kinder und Jugendliche sitzen konzentriert vor Schachbrettern, diskutieren Züge, lösen gemeinsam Aufgaben auf der Leinwand oder spielen simultan gegen einen Trainer. Willkommen beim SC Pirmasens 1912 e.V., einem Verein, der nicht nur Schach lehrt, sondern Gemeinschaft lebt.
Gegründet im Jahr 1912 gehört der SC Pirmasens zu den traditionsreichsten Schachclubs der Region. Der 1. Vorsitzende Michael Müller, selbst seit Jugendtagen aktiver Spieler und Trainer, leitet gemeinsam mit Axel Sprau (2. Vorsitzender) und Jan Raaphorst (Schatzmeister, Spielleiter, Materialwart) das wöchentliche Jugendtraining. Aktuell spielen sechs Mannschaften in unterschiedlichen Ligen – von der Kreisliga bis zur 1. Rheinland-Pfalz-Liga.
Doch nicht die sportlichen Erfolge allein stehen im Vordergrund, sondern die Begeisterung für das Spiel. „Jede und jeder kann hier Schach lernen – egal ob Einsteiger oder schon mit Turniererfahrung. Unser Ziel ist es, Spaß zu vermitteln und ein Ort für alle zu sein“, erklärt Müller im Interview.

Ein Traditionsverein mit Zukunft – aber ohne Gegnerinnen?
Doch auch in einem florierenden Verein wie diesem zeigen sich gesellschaftliche Herausforderungen. Besonders deutlich wurde das jüngst bei den Rheinland-Pfalz-Meisterschaften der U12-Mädchenmannschaften. Der SC Pirmasens hatte ein vierköpfiges Team aufgestellt – doch mangels weiterer Anmeldungen war es die einzige U12-Mädchenmannschaft im Bundesland. „Die Mädels sind dadurch kampflos weiter zur Mitteldeutschen Meisterschaft – aber das fühlt sich irgendwie seltsam an“, kommentiert Müller mit gemischten Gefühlen.
Er sieht darin ein strukturelles Problem: Noch immer sind Mädchen und Frauen im Schach stark unterrepräsentiert. Zwar gibt es bei vielen Turnieren Sonderpreise für das beste Mädchen oder die beste Frau – aber gerade diese Praxis steht zunehmend in der Kritik. „Es schwingt unterschwellig die Aussage mit, dass Mädchen ohnehin keine Chance auf den Gesamtsieg haben – und das ist ein ganz falsches Signal“, sagt Müller. Er selbst hinterfragt mittlerweile offen, ob solche Sonderwertungen nicht eher entmutigen als motivieren.
Auch auf höchstem Niveau sei das Problem sichtbar: Während es eine Frauenweltmeisterschaft gibt, wird der offizielle Weltmeistertitel bislang ausschließlich bei offenen Wettbewerben vergeben – und historisch immer von Männern getragen. „Dabei könnten Frauen theoretisch genauso Weltmeisterinnen werden – aber wenn nur wenige überhaupt den Weg ins Spitzenschach finden, bleibt es eben Theorie“, so Müller. Es brauche gezielte Förderung, aber auch ein Umdenken in der Szene, um Schach als wirklich gleichberechtigten Sport für alle Geschlechter zu etablieren.

Was ist eigentlich ein Elo-Wert?
Wer sich in die Welt des Schachs begibt, wird schnell mit Zahlen konfrontiert: 500, 1100, 2400 – gemeint ist der sogenannte Elo-Wert. Dieses internationale Wertungssystem gibt Aufschluss über die Spielstärke eines Schachspielers. Anfänger starten meist bei etwa 500 Punkten. Einige Jugendliche des SC Pirmasens wie Max Arndt oder Cem Bakir haben bereits beeindruckende Werte um die 1600 erreicht. Ein Großmeister, wie Ralf Appel aus der ersten Mannschaft, liegt bei rund 2400 Elo.
Freestyle Chess – neue Impulse vom Weltmeister
Schach ist ein Spiel mit jahrhundertelanger Tradition – doch auch hier gibt es Innovationen. So hat der norwegische Großmeister und fünffache Weltmeister Magnus Carlsen, in der Schachwelt weithin als der beste Spieler aller Zeiten angesehen, das sogenannte Freestyle Chess mitinitiiert. Hierbei werden die Ausgangspositionen der Figuren variiert, was bekannte Eröffnungssysteme auflöst und ganz neue Dynamiken erzeugt. Carlsen stellt 2014 den bis heute gültigen Elo-Rekord von 2882 auf, wobei die magische 2800-Grenze nur von ingesamt 15 Schachspieler geknackt wurde.
Michael Müller hält diese Variante durchaus für reizvoll – allerdings vor allem für die Weltspitze: „Das ist sicher eine interessante Abwechslung für diejenigen, die wirklich alles im klassischen Schach durchanalysiert haben. Aber für uns Normalsterbliche bietet das normale Schach noch genug Tiefe, Spannung und Faszination.“

Boom dank Netflix & Twitch
Die Begeisterung für Schach ist in den letzten Jahren rasant gewachsen. Gründe dafür sieht Müller unter anderem in der Netflix-Serie Damengambit, die viele Zuschauer erstmals für die Ästhetik und Komplexität des Spiels begeisterte. Ebenso trugen Onlineplattformen wie Chess.com oder Lichess sowie Streamer wie der US-Großmeister Hikaru Nakamura auf Twitch und Youtube zur Popularität bei. „Gerade während der Pandemie, als viele zuhause waren, haben viele – oft durch Zufall – (wieder) zum Schach gefunden“, erinnert sich Müller.
Training für alle – von der Leinwand bis zur Simultanpartie
Beim SC Pirmasens ist jeder willkommen – auch komplette Anfänger. Beim Training begegneten wir einer Mutter mit ihren zwei sechsjährigen Töchtern, die das Spiel gerade erst kennenlernen. Müller und sein Team führen sie behutsam heran. Das Training erfolgt alters- und niveaugerecht in verschiedenen Gruppen. Neben freien Partien gehören auch Theorieeinheiten und Schachrätsel an der Leinwand dazu. Hier müssen die Kinder beispielsweise in einer vorgegebenen Stellung die besten Züge finden oder ein Matt in wenigen Zügen erzwingen.
Ein besonderes Highlight ist das regelmäßige Simultanspiel: Dabei spielen einige Kinder gleichzeitig gegen Michael Müller, der von Brett zu Brett geht. Jeder darf in Ruhe überlegen, bis Müller wieder zurückkommt – eine Mischung aus Konzentration, Spaß und Herausforderung.

Mehr als ein Sport – eine Gemeinschaft
Im Gespräch wird schnell klar: Hier geht es um weit mehr als um Sieg oder Niederlage. Es geht um Freundschaft, Lernen, Zusammenhalt und um das gemeinsame Erleben eines Spiels, das Generationen überdauert. „Ich bin stolz, dass wir eine so bunte und engagierte Truppe haben“, sagt Müller. „Manchmal hilft es schon, wenn Kinder Gleichaltrige im Training treffen – dann kommen sie nicht nur wegen des Spiels, sondern auch wegen der Freunde.“
Der wohl schönste Beweis für die integrative Kraft des Schachs ist dieses Bild: Ein junges Mädchen misst sich mit einem pensionierten Spieler – konzentriert, ehrgeizig, auf Augenhöhe. Denn wie Müller es ausdrückt:
„Was schön ist im Schach: Es kann ein Zehnjähriger gegen einen 96-Jährigen spielen und man weiß nicht, wer gewinnt. Und beide haben trotzdem Spaß dran.“
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