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Vernissage hier leben

Vernissage „z.B. hier leben“: Wie Studierende die Industrieschlösser von Pirmasens neu denken

von Marlene Tappe • Titelfoto: Marlene Tappe

Pirmasens und die Schuhindustrie – zwei Begriffe, die über ein Jahrhundert hinweg untrennbar miteinander verbunden sind. Noch heute ragen die monumentalen Fabrikbauten aus rotem Backstein und hellem Sandstein wie stille Wächter über die Dächer der Stadt. Sie erzählen von Aufschwung und Erfindergeist, von technischen Innovationen und den Händen Tausender, die in diesen Wänden Schuhe fertigten, die ihren Weg in die ganze Welt fanden. Dass diese Gebäude weit mehr sind als übergebliebene Liegenschaften, zeigt die Vernissage der Ausstellung „z.B. hier leben“, die am 27. November 2025 im Rheinberger-Atrium eröffnet wurde. Im Mittelpunkt des Abends stehen die Abschlussarbeiten von einem Teil der 45 Masterstudierenden der RPTU Kaiserslautern-Landau, die sich im Sommersemester mit der Transformation zweier leerstehender Pirmasenser Fabriken befassen.

Eröffnung der Ausstellung „z.B. hier leben“: Studierende präsentieren ihre innovativen Konzepte für die Zukunft der Pirmasenser Schuhfabriken. Bild: Tappe

Neue Perspektiven auf ein industrielles Erbe

Juniorprofessorin Eva Stricker, die die Aufgabe für die Abschlussarbeiten gestellt hat, macht gleich zu Beginn deutlich, warum Pirmasens ein so besonderer Ort für dieses Projekt ist. „Die Geschichte der Schuhindustrie hat viele Bereiche des Lebens hier geprägt“, sagt sie. Für die Abschlussarbeiten der Studierenden werden zwei markante Beispiele ausgewählt: die stillgelegte Palatia-Schuhfabrik samt Villa in Gersbach und die frühere Gewohl-Fabrik in der Emil-Kömmerling-Straße, später Produktionsstätte für Rössl-Luxusschuhe. Auch Professor Dirk Bayer, Dekan des Fachbereichs Architektur der RPTU Kaiserslautern-Landau, hebt den besonderen Wert dieser Aufgabe hervor: „Wir haben hier in der Region viele Schätze, und der Blick darauf muss geschärft werden.“ Über 16 Wochen hinweg beschäftigen sich neben den Studierenden auch elf Lehrende des Fachbereichs Architektur intensiv mit der Transformation dieser Liegenschaften. Das Ergebnis beschreibt Stricker so: „Ein Querschnitt unterschiedlicher Sichtweisen, der den Reiz und Reichtum der Arbeiten ausmacht.“

Juniorprofessorin Eva Stricker führt in die Ausstellung ein und erklärt die Aufgabenstellung der Masterarbeiten zur Transformation der Pirmasenser Schuhfabriken. Bild: Tappe

Wie eng die Stadt mit den Fabriken verbunden ist, zeigt sich, als Beigeordneter Denis Clauer, Vorsitzender der Jacob-Hildebrand-Stiftung, spricht. Die Stiftung besitzt die Palatia-Fabrik, und Clauer erinnert sich lebhaft an deren erste Öffnung: „Für uns ist es eine Zeitreise, als wir die alte Schuhfabrik zum ersten Mal betreten.“ Für ihn ist deutlich, wie wichtig es ist, den leerstehenden Fabriken wieder Leben einzuhauchen: „In Pirmasens gibt es viele ehemalige Schuhfabriken, und wir möchten diesen Gebäuden wieder Leben einhauchen.“

Industrieschlösser als Orte der Zukunft

Karsten Schreiner, Leiter der Stadtplanung Pirmasens, knüpft daran an und beschreibt das industrielle Erbe der Stadt als fast übermächtig. Rund 300 Fabriken prägten einst die Silhouette von Pirmasens, und viele dieser Bauwerke stehen noch. Sie sind für ihn „Industrieschlösser“ – stolz, mächtig und zugleich ein Sinnbild der Transformation des früher herrschenden Wirtschaftszweigs. Beispiele wie der Neuffer am Park oder die P-Town-Lofts, entstanden aus der ehemaligen Salamander-Schuhfabrik, zeigen, wie Wohnen und Arbeiten wieder zusammenfinden können. Genau diese Transformation und Verbindung ist Kern der ausgestellten Masterarbeiten.

Ein Teil der Abschlusswerke der Studierenden: Visionäre Entwürfe zeigen, wie Pirmasens’ ehemalige Schuhfabriken neues Leben bekommen. Bild: Tappe

Für einen besonders persönlichen Moment sorgt Architekt und Urban-Design-Professor Matthias Faul, selbst gebürtiger Pirmasenser. Er spricht weniger über Grundrisse als über Erinnerungen, über Räume, die Menschen mitgestalten – und die sie wiederum verändern. „Ich interessiere mich für die Lebensräume und die Zyklen, die Gebäude durchlaufen“, sagt er. Dazu zeigt er Bilder von Menschen, die im 19. Jahrhundert Häuser errichten, und Fotos aus der Gegenwart. Sein Vortrag macht spürbar, dass Transformation nicht nur ein planerischer Begriff ist, sondern ein Prozess, der mit Menschen beginnt.

Zum Abschluss führen die Studierenden die Gäste durch ihre Modelle und Pläne. Moderiert von Adrian Conradi wirkt der Abend wie ein gemeinsamer Schritt in eine Zukunft, in der die alten Industriebauten nicht länger stille Zeugen sind, sondern wieder Orte, an denen Leben, Arbeit und Geschichte zusammenfinden. Die Ausstellung „z.B. hier leben“ ist bis zum 11. Dezember 2025 im Rheinberger-Atrium zu sehen.


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