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Zwischen Holzschnitt und blauer Tusche: „Tierlegenden“ im Forum ALTE POST
von Julia Schepp • Titelfoto: Julia ScheppÜber 40 Tierwesen werden ab Sonntag im Forum ALTE POST den Blick auf sich ziehen. Kräftige schwarze Formen aus dem Holzschnitt treffen auf leuchtend blaue Tuschelinien. Die neue Wechselausstellung „Tierlegenden – Grafiken von Abi Shek“ ist vom 1. März bis 11. April zu sehen und verbindet zeitgenössische Arbeiten des in Stuttgart lebenden Künstlers mit einer Auswahl von Druckgrafiken aus dem Kunstmuseum Reutlingen.
Kulturdezernent Denis Clauer unterstrich im Vorfeld die bewährte Zusammenarbeit mit dem Partnerhaus: „Wir sind froh, dass wir es an dieser Stelle fortsetzen können.“ Bereits in der Vergangenheit habe man gute Erfahrungen mit Reutlingen gemacht.
Die Vernissage findet am Sonntag, 1. März, um 11 Uhr im Forum ALTE POST statt, musikalisch begleitet von Sara Marie Kawczynska am Flügel. Neben einer Begrüßung durch Denis Clauer wird Katja Ritter in das Werk ihres Mannes Abi Shek einführen. Der Eintritt ist frei.

Tiere als Spiegel unserer Kultur
Im Mittelpunkt der Schau stehen Holzschnitte, ergänzt durch Tuschezeichnungen und Radierungen. Schwarz gedruckte Flächen treffen auf frei gesetzte blaue Linien. „Fast alles, was schwarz ist, ist gedruckt. Holzschnitt. Alles, was blau ist, ist gezeichnet“, erklärt Abi Shek. Tiere sind das zentrale Motiv – Vögel, Säugetiere, Reptilien. Doch es geht nicht um naturgetreue Tierdarstellungen. „Ich mache keine Tierstücke“, stellt der Künstler klar. Tiere seien für ihn „ein Mittel, um etwas über unsere Kultur, über unsere Welt zu sagen“.

Damit knüpft er an eine lange Tradition an, in der Tiere als Symbolträger fungieren – von mittelalterlichen Fabeln bis zu mythologischen Bildwelten. Er berichtet von zwei Betrachtern, die dasselbe Bild völlig unterschiedlich wahrgenommen hätten: Der eine habe „das Wesen, den Elefanten“ erkannt, der andere „das Wesen, den Hasen“. Genau darin liege für ihn die Stärke der Kunst. „Kunst ist eine Art Spiegel“, so Shek. Deshlab hätten seine Bilder auch keine Namen. Würde er eines eindeutig benennen, würde er diese Offenheit einschränken.
Das Wort „Wesen“ gefällt ihm besonders, weil es etwas Konkretes und zugleich etwas Geistiges bezeichnet. In dieser Schwebe bewegen sich seine Arbeiten.
Der Ausstellungstitel „Tierlegenden“ verweist auf diese symbolische Ebene. Legenden erzählen von Archetypen, von wiederkehrenden Mustern menschlichen Handelns. Auch Sheks Tierwesen tragen solche Bedeutungen in sich – ohne sie festzuschreiben.

Die Farbe Blau und die Illusion der Spontanität
Statt detailreicher Ausarbeitung setzt Shek auf reduzierte Formen. Die Arbeiten wirken auf den ersten Blick spontan, doch der Eindruck täuscht. „Man hat mir oft gesagt, diese Bilder sehen sehr spontan aus. Das freut mich. Die sind überhaupt nicht spontan. Sie sind geplant und strukturiert bis zum letzten Moment.“ An einzelnen Werken arbeite er „manchmal Monate lang“.
Holzschnitt und Zeichnung versteht er als unterschiedliche Philosophien, die sich ergänzen. Beide Techniken können für sich stehen, treten aber in seinen Arbeiten in einen Dialog – vergleichbar mit zwei Melodien, die nebeneinander bestehen und dennoch etwas Neues entstehen lassen.
Auffällig ist die blaue Tusche, mit der viele Motive erweitert werden. Farben seien kulturell geprägt, erläutert der Künstler. Während im Norden Rot für Wärme und Geborgenheit stehe, sei im Orient – seiner Herkunftsregion – Blau die Farbe der Zuflucht. „Im Orient ist die Sonne der Feind“, sagt Shek. Blau und Grün bedeuteten dort Schutz und Kühle. Diese Prägung spiegele sich in seiner Arbeit wider.

Dialog mit der Kunstgeschichte
Ergänzt wird die Ausstellung durch 13 Druckgrafiken aus dem Kunstmuseum Reutlingen, darunter Werke von Georg Baselitz, HAP Grieshaber und Wilhelm Laage. Reutlingen gilt als das bedeutendste Haus für Holzschnitt in Europa. Die Gegenüberstellung versteht sich nicht als Vergleich, sondern als Dialog zwischen unterschiedlichen künstlerischen Positionen und Generationen. „Tierlegenden“ zeigt, wie zeitlos das Motiv Tier in der Kunst ist – und wie gegenwärtig es bleiben kann.
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