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Zwischen Traum und Wirklichkeit: „Zwischenwelten“ beeindruckt in der Jugendkulturwerkstatt
von Julia Schepp • Titelfoto: Julia ScheppEin Projekt, das Spuren hinterlässt: Mit der vierten und letzten Vorstellung Ende November hat Zwischenwelten, die aktuelle Produktion der Jugendkulturwerkstatt (JuKuWe), ihren krönenden Abschluss gefunden. Das Stück, entstanden im Rahmen des dreijährigen Projekts Bildsprache, brachte auf der Bühne der JuKuWe ein multimediales Theatererlebnis zur Aufführung, das ebenso humorvoll wie tiefgründig war. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die hier agierten, zeigten nicht nur Präsenz und Spielfreude, sondern transportierten mit großer Ernsthaftigkeit Fragen, die viele ihrer Generation bewegen.
Eine Bühne für Gedanken, Gefühle und Utopien
Zwischenwelten ist, wie der Titel andeutet, ein Theaterstück rund um Übergänge: zwischen Realität und Fantasie, zwischen Innenwelt und Gesellschaft, zwischen Albtraum und Wunsch. In locker verbundenen Szenen begegnet das Publikum Figuren, die suchen, stolpern, zweifeln und hoffen – und dabei von Träumen getragen werden, die nicht selten mehr über die Wirklichkeit sagen als jede Analyse.
Formal setzt die Inszenierung auf eine abwechslungsreiche Ästhetik: Licht, Projektionen, Sound und Tanz wechseln sich mit ruhigen Textpassagen und symbolischen Bildern ab. Die Szenen fordern das Publikum, weil sie nicht immer eindeutige Antworten liefern – aber genau darin liegt der Reiz. Wer sich auf diese Welt einlässt, wird überrascht, irritiert, bewegt.

Künstliche Intelligenz, politische Träume und das Ich im Wandel
Zu den stärksten Momenten des Abends gehörten jene, in denen die Jugendlichen ihre Zukunftsängste auf die Bühne brachten. Besonders eindringlich: die Passagen zur künstlichen Intelligenz. In dystopischer Bildsprache wird gezeigt, wie eine KI nach und nach die Gedankenwelt der Menschen infiltriert. Die Szene basiert auf realen Gesprächen mit den Teilnehmenden, deren persönlichen Erfahrungen zum Ausgangspunkt einer bildstarken Sequenz über Kontrollverlust und digitale Überforderung wurden.
Kontrastiert wird diese Technikangst mit einem politischen Wunschtraum: In einer Szene erscheint der Wind als Figur, die autoritär gehandelt hat und danach öffentlich Reue zeigt. Er entschuldigt sich für seine Taten – eine Geste, die in der Realität kaum vorstellbar scheint, hier aber möglich gemacht wird. Das Publikum wurde so Zeuge einer Umkehr – nicht aus Naivität, sondern als hoffnungsvoller Kontrapunkt zur gegenwärtigen Weltlage.

Ensemble mit Authentizität und Präsenz
Was diese Inszenierung besonders macht, ist die Nähe, die zwischen Bühne und Publikum entsteht. Die Darsteller verkörpern mit ihren Rollen Haltungen, innere Bewegungen, Bruchstellen. Regisseur Sven Sorring, seit über 35 Jahren in der Theaterlandschaft aktiv, hat das Stück aus Gesprächen mit den Jugendlichen entwickelt. Jede Figur wurde individuell zugeschnitten, viele der Texte entstanden in enger Zusammenarbeit. Sorring beschreibt seine Arbeitsweise so: „Ich habe mich ganz am Anfang hingesetzt und gefragt: Wenn du mal was geträumt hast – kannst du dich erinnern? War er schön, lustig, traurig, beängstigend?“
Diese Offenheit prägt das Schauspiel. Sorring sagt über seine jungen Schauspieler: „Das sind keine Profis, aber sie agieren professionell“. Und das trifft zu: Was das Ensemble auf die Bühne bringt, ist bemerkenswert authentisch und getragen von echter Auseinandersetzung mit den Inhalten.

Bühne der Vielfalt: Theater als gelebte Integration
Zwischenwelten ist nicht nur ein Theaterprojekt, sondern ein gesellschaftliches Statement. Seit drei Jahren bringt das JuKuWe-Projekt Bildsprache junge Menschen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern zusammen. Es waren unter anderem Jugendliche aus Afghanistan, Nigeria, der Ukraine, Russland und Polen gemeinsam auf und hinter der Bühne – ein Miteinander, das jenseits von Zuschreibungen funktioniert. Sorring beschreibt das als „ein liebevolles, intelligentes und sehr produktives Miteinander“. Die Bühne wird hier zum Ort des Austauschs, der Begegnung und der Zugehörigkeit – gerade in einer Zeit, in der Ausgrenzung und Spaltung zunehmen.
Zwei Gesichter aus dem Ensemble
Paul Rudko war ursprünglich Zuschauer – heute steht er selbst auf der Bühne. Theater ist für ihn ein Hobby, das ihn laut Regisseur Sorring durchaus verändert hat. Am Anfang sei er schüchtern gewesen und jetzt stünde er auf der Bühne mit einer neu gewonnenen „Selbstverständlichkeit“. Diese Entwicklung beschreibt stellvertretend, wie das Projekt jungen Menschen neue Räume öffnet.
Erik Mirzoian bringt bereits Bühnenerfahrung mit und strebt eine professionelle Schauspielkarriere an. Seine Spielfreude und sein komödiantisches Timing stehen exemplarisch für das durchweg hohe Niveau, mit dem das gesamte Ensemble auf der Bühne überzeugte.

Fazit: Ein Stück, das nachwirkt
Zwischenwelten ist mutig, verspielt und voller Bedeutung. Es ist ein Stück über Träume – und über die Wirklichkeit, die sie formen. Die Inszenierung schafft es, komplexe Themen wie KI, Migration, Identität und Angst nicht belehrend, sondern assoziativ zu verhandeln. Das macht sie zugänglich – und gleichzeitig anspruchsvoll.
Das größte Kompliment für diese Produktion: Sie wirkt nach. Mich hat Zwischenwelten nachdenklich gemacht – über die Träume, die wir haben, und das, was sie uns vielleicht sagen wollen.
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