Ein Derby wird am Stammtisch entschieden

psstorange-1
Mit Lisa Flöser

Es ist Montag, 19.30 Uhr in Pirmasens, und der altehrwürdige Carolinensaal platzt aus allen Nähten. Der Historische Verein hat eingeladen – zu einem Vortrag über ein besonderes Stück Stadtgeschichte: den FKP Pirmasens. Schon vor Beginn wird klar: Das hier ist mehr als ein nüchterner Blick in die Vergangenheit. Es ist ein Abend voller Erinnerungen, Emotionen und klassischer Geschichten, die man sich seit Jahrzehnten weitererzählt.

Der Verein war und ist ein Herzblut-Thema für viele Menschen in der Region. Für manche ist er Kindheit, für andere ein Stück Heimat. Und selten schlägt der Puls so hoch wie beim Thema Derby. Dann werden Stimmen lauter, Meinungen klarer, Erinnerungen lebendiger.

Doch warum ist das eigentlich so? Warum entfalten gerade diese Spiele eine Wucht, die so lange nachwirkt?

Entscheidend ist zunächst die geografische Nähe – ein Derby lebt von seinem Bezug zur Region, in manchen Fällen sogar zur eigenen Stadt. Rivalitäten entstehen dabei nicht nur auf dem Spielfeld, sondern reichen oft weit darüber hinaus. Gerade in der Pfalz, wo sich viele Menschen stark mit ihrer Heimat identifizieren, bekommt das eine ganz eigene Note. Nicht umsonst heißt es in einem Song der Die Anonyme Giddarischde: „Awwer annerschtwu is annerscht und halt net wie in de Palz“.

Wenn es dann zu den sogenannten Südwest-Derbys kommt – etwa gegen den 1. FC Saarbrücken oder den FC 08 Homburg – geht es längst nicht mehr nur um Fußball. Auf dem Platz wird um jeden Ball gekämpft, daneben prallen Mentalitäten und regionale Eigenheiten aufeinander. Zwischen Pfalz und Saarland ist das Verhältnis seit jeher von einem gewissen Augenzwinkern, aber auch ehrlichem Konkurrenzdenken geprägt.

Diese Rivalität lebt vor allem auf den Rängen. Unter den Anhängerinnen und Anhängern der Vereine tobt seit jeher eine hitzige Diskussion, welches Bundesland nun das Lebenswertere sei. „Das Beste am Saarland ist der Weg zurück in die Pfalz“ konnte es dann gerne mal von der Tribüne schallen – oder umgekehrt, ganz nachdem, welches Fanlager man fragt.

Ein hitziges Duell zwischen dem 1. FC Saarbrücken und dem FK Pirmasens im Ludwigspark-Stadion endete 1962 1:1. Foto: SR Retro – Abendschau

Derby bedeutet immer auch Tradition. Und diese wiegt umso schwerer, wenn es gegen einen Gegner geht, der selbst eine große Geschichte mitbringt. Kaum ein Duell erfüllt das in der Pfalz so sehr wie das Aufeinandertreffen mit dem 1. FC Kaiserslautern. Hier verdichtet sich all das, was ein Derby ausmacht: regionale Nähe, sportliche Konkurrenz und das Bewusstsein zweier Vereine, deren Selbstbild sich auch in ihrer Fußballgeschichte widerspiegelt.

FKP gegen FCK – das bedeutet „die Klub“ gegen die „Roten Teufel“, Schuhstadt gegen Nähmaschinenstadt. Und aufgrund der sportlichen (Miss-)Erfolge in der jüngeren Vergangenheit leider allzu oft auch: David gegen Goliath. Während der 1. FC Kaiserslautern über Jahrzehnte hinweg große Fußballgeschichte geschrieben hat, musste sich der FK Pirmasens zunehmend mit der Rolle des Außenseiters arrangieren. Doch gerade darin liegt auch ein Teil der besonderen Derby-Dynamik.

Denn im Derby gelten andere Maßstäbe. Hier zählen nicht allein Budget oder Liga. Für den Underdog wird das Spiel zur Chance, die Kräfteverhältnisse zumindest für einen Moment auf den Kopf zu stellen.

Betretene Gesichter im Heimblock des FK Pirmasens nach der 1:3 Niederlage gegen den 1.FC Kaiserslautern im Verbandspokal 2018. Foto: Der Betze brennt

Für echte Fans ist ein Derby das wichtigste Spiel der Saison – unabhängig von der Tabellensituation. Oft reicht seine Bedeutung sogar weit über den Moment hinaus, bleibt über Jahre, manchmal Jahrzehnte hinweg präsent. Ein Derbyerfolg wird weitererzählt, eine Niederlage ebenso – nur mit anderem Unterton.

Und manchmal wird sogar trotz Niederlage die eigene Mannschaft zum eigentlichen Sieger erklärt. So verwundert es nicht, dass im Carolinensaal Entrüstung zu vernehmen war, als es um das vermeintlich unsportliche Verhalten des 1. FC Kaiserslautern 1942 ging. Damals gewannen die roten Teufel mit 26:0 haushoch gegen den FKP – eine empfindliche Kerbe in der Vereinsgeschichte. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass viele Stammkräfte des FKP zu dieser Zeit an der Front waren, während die Lauterer auf ihre Stars um Fritz Walter zurückgreifen konnten. Dieser schoss gleich 13 Tore und nutzte die unverschuldete Schwäche der Pirmasenser damit gnadenlos aus. Reges Kopfnicken aus dem Publikum beantwortet die rhetorische Frage, ob der FKP nicht der „moralische“ Sieger sei.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Wahrheit über Derbys: Sie werden nicht nur auf dem Rasen entschieden.

Ein Derby endet nie mit dem Schlusspfiff. Es lebt weiter in Erzählungen, in Emotionen, in diesem ganz eigenen Gefühl, das nur solche Spiele erzeugen können. Und manchmal, so scheint es, wird das Derby genau dort entschieden, wo es am lautesten nachhallt: am Stammtisch.